Gut informiert

Paradiesische Zustände für Legionellen

Presseinformation vom 15.11.2016

Baumängel im Altenheim – Gefahr aus der Wasserleitung

Versicherer sind bei der Gestaltung von Bedingungen mehr oder weniger frei. Daher sind die am Markt verfügbaren Produkte im Detail meist sehr unterschiedlich. Besonders beim Abschluss einer Betriebsschließungsversicherung infolge Seuchengefahren, für Einrichtungen ein existenzieller Schutz, lohnt es sich, sehr genau hinzusehen.

Betriebsschließungsversicherung infolge Seuchengefahren

Speziell für die Risikosituation von Altenheimen und Reha-Kliniken hat unser Haus ein Spezialprodukt mit weitreichendem Versicherungsschutz entwickelt.

Bei vielen am Markt erhältlichen Standardlösungen kann es wegen der umfangreichen Obliegenheiten und der engen Umschreibung der meldepflichtigen Krankheiten und Krankheitserreger passieren, dass der Deckungsschutz im Schadenfall ins Leere läuft. So ist beispielsweise Legionellenbefall oftmals nicht im Versicherungsschutz enthalten.

In unserem Bedingungswerk sind diese gefährlichen Bakterien ebenso versichert wie sonstige Infektionserreger, die eine Meldepflicht nach dem Infektionsschutzgesetz und ggf. weitergehenden landesrechtlichen Vorschriften auslösen.

Des Weiteren sind die in Standardversicherungen vereinbarten Haftzeiten oft so kurz bemessen, dass sie schon abgelaufen sind, bevor die zuständige Behörde eine schriftliche Auflage erteilt hat. Sieht die Gesundheitsbehörde von einer schriftlichen Handlungsanordnung ab und belässt es bei mündlichen Absprachen, ist der Versicherungsfall in der Regel nicht gegeben. Es kommt, wie unsere Schadenpraxis zeigt, vergleichsweise häufig vor, dass Behörden nicht bereit sind, Auflagen schriftlich zu erteilen.

Deckungsschutz mit Boni

Damit die von unserem Haus entwickelte Betriebsschließungsversicherung infolge Seuchengefahren greift, ist eine schriftliche Anordnung der Behörde nicht zwingend erforderlich. Ersatzweise genügt es, dass die versicherten Erreger durch Laborbefunde nachgewiesen wurden. Behördliche Anordnungen, die mündlich ausgesprochen wurden, sind für den Nachweis beim Versicherer zu dokumentieren. Die entsprechende Notiz bzw. das entsprechende Protokoll sollte der Behörde im Nachgang per E-Mail oder Fax überlassen werden.

Wichtig für bestehenden Versicherungsschutz ist, nachweisen zu können, dass der Erregerbefall unverzüglich an die Behörde gemeldet wurde.

Weitere Besonderheiten unseres Spezialprodukts: Eine Haftzeit bis zu 90 Tagen kann vereinbart werden. Ein Selbstbehalt ist nicht vorgesehen.

Ein Beispielfall

In einem Altenheim – einem relativ neuen Gebäude –, das ab 2012 mit einem massiven Legionellenbefall zu kämpfen hatte, hat man positive Erfahrungen mit unserer Versicherungslösung gemacht. Dank der Spezialdeckung konnte der Schaden mit rund 433.000 EUR entschädigt werden.

Das Altenheim für knapp 90 Bewohner ist – einschließlich einiger Appartements – 2009 neu gebaut worden. Wie sich im Nachgang herausstellt, ist es schon bei der Bauplanung und später bei der Bauausführung zu Baumängeln gekommen.

Wegen mangelhafter Planung ist das Rohrnetz im Gebäude unzulänglich verbaut worden, was sich ungünstig auf die gesamte Wasserzirkulation auswirkt. Zudem sind Kalt- und Warmwasserrohre zu dicht nebeneinander verlegt und darüber hinaus nicht richtig gedämmt worden. Deswegen kommt es zu einer permanenten Abkühlung des heißen Wassers durch das kalte und zu einer Erwärmung des kalten Wassers durch das warme. Ein Paradies für Legionellen!

Keine schriftliche Anordnung

Entdeckt wird das Legionellenproblem, als die Beprobungsroutinen im Zusammenhang mit dem Anschluss des Altenheims an ein Blockheizkraftwerk umgestellt werden. Im Herbst 2012 stellt sich heraus, dass der zulässige Grenzwert für das Legionellenaufkommen an verschiedenen Zapfstellen deutlich überschritten wird.

Nach ordnungsgemäßer Meldung an das Gesundheitsamt werden alle weiteren Maßnahmen mit diesem abgestimmt. Wie in vielen Fällen ist die Behörde auch hier mit schriftlichen Anordnungen zurückhaltend, sodass die meisten Absprachen in mündlicher Form erfolgen. Diese werden in Gesprächsnotizen festgehalten.

Der Versicherungsschutz

Im Vertrag zur Betriebsschließungsversicherung infolge Seuchengefahren ist eine Haftzeit von 90 Tagen vorgesehen. Vereinbart ist zudem, dass die während der Haftzeit angeordneten Sach-Mehrkosten auch nach Ablauf der Haftzeit für weitere sechs Monate übernommen werden.

Kosten fallen u. a. an für

  • Legionellenfilter,
  • Sachverständige,
  • Wasseruntersuchungen,
  • Maßnahmen zur Vorbereitung der Desinfektion,
  • thermische Spülungen und
  • den erforderlichen Mehraufwand an Personal.

Der Schaden wird vom Versicherer mit insgesamt 173.000 EUR reguliert.

Um die Planungs- und Ausführungsfehler zu beheben, ist eine umfangreiche Sanierung (22 Bauabschnitte) erforderlich, die eine Betriebsschließung notwendig macht. Die Suche nach einem Ausweichquartier gestaltet sich allerdings schwierig. In einigen leer stehenden Gebäuden sind Flüchtlinge untergebracht, sodass in der Umgebung kaum freie Kapazitäten verfügbar sind. Und bei den wenigen Objekten, die in Frage kämen, stellt sich heraus, dass sie erst nach – kostenintensivem – Umbau als provisorisches Altenheim nutzbar wären.

Auch der Umstand, dass viele der Bewohner an Demenz erkrankt sind, lässt einen Umzug sowohl aus logistischen als auch rein menschlichen Gründen nicht empfehlenswert erscheinen.

Langwierige Sanierung

Man entschließt sich letztlich, die notwendige Sanierung Abschnitt für Abschnitt im laufenden Betrieb vornehmen zu lassen und nimmt, Vor- und Nachteile abwägend, eine längere Sanierungszeit in Kauf.

Durch die lange Planungsphase und die langwierigen Abstimmungen mit dem Gesundheitsamt hat sich die Entscheidungsfindung dergestalt verzögert, dass die Sanierungsphase erst im Jahr 2015 beginnen kann – und damit lange, nachdem die vereinbarte Haftzeit für den Betriebsunterbrechungsschaden abgelaufen ist.

Kein Problem für das betroffene Altenheim: Denn auch in diesem Punkt hebt sich unser Produkt vom Markt ab. In begründeten (!) Einzelfällen erlauben die Bedingungen, dass die Haftzeiten für die Sach-Mehrkosten und die Betriebsunterbrechung zeitlich auseinanderliegen können. Ein solcher begründeter Einzelfall liegt hier vor.

Nachdem klar ist, dass die Sanierung in Abschnitten (Teilschließung) vonstattengehen soll, eruieren unsere Mitarbeitenden zunächst den Teil-Betriebsausfall für die Abschnittssanierung und die zur Vermeidung eines weitergehenden Ausfallschadens aufzuwendenden Kosten, jeweils bezogen auf eine Haftzeitlänge von 90 Tagen.

Diese Mehrkosten entstehen vornehmlich durch Aufwendungen für

  • Mietkürzungen,
  • Mietausfälle,
  • die Alternativunterbringung der Appartement-Bewohner,
  • den erhöhten Aufsichtsbedarf der an Demenz erkrankten Bewohner,
  • Werbemaßnahmen, die während der Sanierung und der nachfolgenden Wiederanlaufphase ergriffen werden,
  • zusätzliche Hausmeisterleistungen,
  • allgemeine Beratungs- und Informationsveranstaltungen für Bewohner und Angehörige sowie
  • erhöhte Reinigungskosten etc.

Der Betriebsausfallschaden wird am Ende mit 260.000 EUR reguliert.

Forderung gegen Baufirmen

Die Gesamtentschädigung beläuft sich auf 433.000 EUR. Zum Betriebsschließungsschaden kommen umfangreiche Kosten für die Behebung der Planungs- und Ausführungsfehler (Sanierungskosten) hinzu. Diese sind jedoch weder Bestandteil der vorgenannten Versicherung noch der vorliegend bestehenden Gebäude-Allgefahrenversicherung.

Der Altenheimträger hat daher ein Beweissicherungsverfahren gegen die damals am Bau beteiligten Planer und ausführenden Firmen eingeleitet, um seinen weiteren Schaden bei ihnen geltend machen zu können. Hier kommt dem Altenheim ergänzend das juristische Vehikel des Quotenvorrechts* zugute.

Stephan Scharf

 

* Quotenvorrecht: 
Bei Inanspruchnahme der Sachversicherung im Schadenfall gehen die Ansprüche des Versicherten in Höhe des Regulierungsbetrags auf den Versicherer über. Wird der Schaden durch die Versicherungsleistung nicht komplett gedeckt – etwa, weil wie hier Positionen nicht unter den Versicherungsschutz fallen –, kann der Versicherte selbstständig seinen Gesamtschaden bei den Verursachern geltend machen.

Mit der Schadenersatzleistung der Verursacher befriedigt der Versicherte dann zunächst seinen Restschaden vollständig. Übersteigen die Schadenersatzleistung des Verursachers und die Versicherungsleistung den auszugleichenden Schaden, geht der Differenzbetrag – nicht mehr und nicht weniger – auf den Versicherer über. Vorher muss der Versicherte aber komplett schadenfrei sein (versicherte und nicht versicherte Positionen).

 

Den vollständigen Artikel können Sie hier als PDF abrufen

Sie sind hier: